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In liebevoller Erinnerung an Michael Radetzky

Radusel ist tot!

Diese Nachricht hat uns alle tief erschüttert, die wir ihn auf dem Nord-Süd-Trail begleitet haben, sei es auf seinem Blog, oder auf dem Trail, um für eine kurze Zeit seine Wandergefährten sein zu dürfen.

Die meisten lernten Radusel kennen, als er im April im Forum angekündigt hatte, den NST northbound gehen zu wollen. Eine Notwendigkeit aufgrund von Corona, da er aus dem Ravensburger Raum stammte und eine lange Zugreise zum nördlichen Trailhead vermeiden wollte, die damals aufgrund der unterschiedlichen Corona-Regelungen ein Abenteuer für sich gewesen wäre.

Schon mit seinem ersten Forums-Posting zeigte sich seine freundliche und hilfsbereite Art, stellte er doch für die Allgemeinheit eine Möglichkeit online, die Landkreisgrenzen für GPS nutzbar zu machen, um so die jeweils geltenden Corona-Regeln landkreisabhängig beachten zu können. Kurz darauf lief er los.

Sein erster Start am 2. April zum südlichen Trailhead, er hatte sich dafür Langenargen in der Nähe von Friedrichshafen auserkoren, ging gründlich schief, denn er war unerfahren und lief sich gleich vier große Blasen, so dass er schon einen Tag später wieder abbrechen musste. Hinzu kam, dass er sich zu viel in seinen Rucksack gepackt hatte; und falsche Schuhe kamen obendrein. Woher ich das alles weiß? Weil er offen und ehrlich darüber berichtet hat, sich selbst dabei als “Schlaubischlumpf“ nicht ganz so ernst nahm, jedenfalls sich nicht hinter seiner Unerfahrenheit versteckte, sondern den Mut hatte zuzugeben, dass er ein Anfänger in Sachen Wandern war. Alleine das machte ihn mir von Anfang an sympathisch! Aber nicht nur mir, ich glaube – nein: ich weiß! – die ganze Community hat so für ihn empfunden, ihn als einen offenen und ehrlichen Menschen wahrgenommen, mit dem man sich gerne austauscht und den man gerne treffen möchte.

Den zweiten Anlauf unternahm er am 7. Mai, der ihn am 9. Mai zum nördlichsten Terminus des NST auf Sylt geleitet hat. Jetzt also würde Radusel den NST southbound starten! Viele waren überrascht und ein wenig erschrocken, als der Regen ihm in der Nacht vor Erreichen des Startpunktes einen nassen Schlafsack bescherte. Jeder von uns kennt Menschen, die spätestens jetzt, bei schneidendem Wind und kaltem Regen, aufgegeben hätten – nicht so Radusel! Er ging weiter und erreichte am Morgen des 9. Mai den Startpunkt des NST.

Seine Unerfahrenheit hatte sich bald erledigt! Jeder, der seinen Berichten folgte, erkannte sofort, wie geschickt er selbst bei schlechtem Wetter Lagerplätze fand. Aber Radusel fand nicht nur Lagerplätze und Wasserquellen, sondern er notierte auch die GPS-Positionen für die nachfolgenden Wanderer. Auch hier zeigte sich wieder seine Hilfsbereitschaft, die er immer gerne bereit war zu schenken!

Dann kam Hamburg und der Handydiebstahl, der dazu führte, dass Radusel zwangspausieren musste und an der Durchführung seines Vorhabens zweifelte, denn er war der Ansicht, den NST in diesem Jahr nicht mehr beenden zu können. Hatte er aufgegeben? Oder sich gar unterkriegen lassen? Ganz und gar nicht! Eine Woche später war er zurück auf dem Trail und nahm den Heidschnuckenweg unter seine Füße. Was für eine grandiose Einstellung.

Radusel nahm jede Gelegenheit wahr, sich mit anderen Wanderern zu unterhalten. So kam es zu der Begegnung mit FlOw und 2F-hiking, die über ihre Begegnung mit ihm schreiben:

„Zwischen Celle und dem Steinhuder Meer liefen wir recht ernüchtert durch die monoton erscheinende Landschaft, als wir nach Stunden ohne menschliche Begegnung in der Ferne eine Gestalt erblickten. Da sie, während wir uns näherten, verschwand, nahmen wir an, dass sich unsere Wege nicht kreuzen würden.

Ein Glück lagen wir damit falsch. Von einer Holzbank erhob Radusel sich. Insbesondere durch seinen, uns bekannten, doch für die deutsche Wanderszene außergewöhnlichen Rucksack, kamen wir ins Gespräch. Er bot uns die Bank für eine Pause an, da er gerade weiter laufen wollte. Doch dann zückte er sein Sitpad und nahm auf der Wiese neben uns Platz.

Wir unterhielten uns über unsere Wege, das Leben draußen, wie es ist als Langstreckenwanderer in Deutschland. Uns beeindruckte es, dass Radusel sich so mutig als unbedarfter Solowanderer auf den Weg gemacht hat.

Er beschrieb einiges mit ‚g’schmeidig‘, was für uns NRWler seitdem neuer Bestandteil unseres Sprachgebrauchs wurde. Beiläufig erzählte Radusel, dass für ihn auch mal ein gemähter Seitenstreifen an einer Straße/einem Weg als Schlafplatz dient. Für uns, die ungesehen schlafen bevorzugen, eine gegensätzliche Vorstellung. Seither, wenn wir kleine Rasenabschnitte sehen, die sich für ein Einmannzelt eignen, sagen wir mit einem Lächeln: ‚Hier könnte man gut raduseln.‘

Gegenseitig haben wir unsere Wanderungen seit dieser Begegnung verfolgt, mitgefiebert und sind in Kontakt geblieben. Wie gerne wir ihn nochmal getroffen hätten. Seine Footprints fehlen uns und noch Wochen später denken wir ab und zu z.B. ‚Den Schlafplatz können wir Radusel empfehlen.‘ Dann wird uns wieder bewusst, dass er dort nicht mehr vorbeilaufen wird.“

Wer seine Footprints genau las, bemerkte bald schon eine gewisse Einsamkeit, die Radusel auf dem Trail fühlte. Im Mai musste seine ehemalige Schulfreundin schon nach einem Tag wieder zurück, da ihre Ausrüstung für das schlechte Wetter nicht geeignet gewesen war. Traf er auf eine zufällige Wanderbegleitung, war er merklich fröhlicher, wodurch er dieser Zeit auf dem Trail eine besondere Note gab. Als er auf die Wanderin Frau.immer.weiter traf, die ebenfalls auf dem NST unterwegs war, schrieb er davon, wie er von ihr mitgerissen wurde, und an zwei Tagen hintereinander einen Streckenrekord gelaufen ist:

„Unerbittlich mit mir, die liebe Seele! Die Zeit verfliegt nun so! Ist eine schöne Abwechslung, nicht alleine zu laufen.“

Frau.immer.weiter schreibt über ihre gemeinsame Wanderzeit mit Radusel:

„Es war an einem Tag mit gutem Wetter, ich war gerade erst wieder in den Trail nach einer kurzen Zeit zu Hause eingestiegen und ging ziemlich beschwingt. Kurz darauf sah ich etwas weiter vor mir einen Wanderer mit Solarpanel am Rucksack. Irgendwann waren wir gleich auf und es stellte sich heraus, dass es Radusel war. Wir kamen sofort ins Gespräch und beschlossen, weiter zusammen zu gehen.

Nach anfänglichem Gear-Talk wurden die Gespräche über die verbrachten Tage immer tiefsinniger. Wir gingen zusammen durch ein Stück der Heide und waren froh, diese wundersame Landschaft mit jemandem zusammen erleben zu können. Nach ein paar Tagen merkten wir, unser Tempo passte nicht so ganz zusammen, und wir trennten uns. Wir blieben in Kontakt und trafen uns schon nach ein paar Tagen in einer Jugendherberge wieder.

Als wir uns dort etwas erholt hatten, beschlossen wir, noch einmal zusammen loszulaufen, denn in Gesellschaft ist es noch einmal so schön. Und da wir uns schon kannten, war es fast so, als träfe man einen alten Freund wieder! Wir hatten eine wirklich schöne Zeit zusammen, haben viel gelacht.

Ganz besonders dankbar bin ich ihm für seine Entscheidungshilfe gewesen, denn ich musste für mich entscheiden, ob ich den Nord-Süd-Trail weiter laufe oder ob ich ihn verlasse. Er ist nicht müde geworden mir zuzuhören, und brachte mich trotzdem immer wieder zum Lachen. Ich blicke auf die gemeinsame Zeit zurück, und bin mir ganz sicher, dass ich einiges nie vergessen werde:

  • als wir einer Wildschweinrotte gegenüber standen
  • wie wir in der Heide essen waren
  • wie wir vor dem leider geschlossenen Dinopark standen und eine gute Zeit mit dem T-Rex hatten.
  • All die gemeinsamen Gespräche, das gemeinsame Schweigen und das gemeinsame Lachen.

Doch auch beim zweiten gemeinsamen Wandern merkten wir nach einer Zeit, dass der Rhythmus ein anderer war. Also verabschiedeten wir uns in der Gewissheit auf ein Wiedersehen. Wir beide waren fest entschlossen, uns noch einmal zu treffen. Leider kam alles anders. Ich bin wirklich froh und dankbar, Radusel unterwegs kennengelernt zu haben.“

Wie offen Radusel mit seiner Stimmung und Gefühlen umging, konnte man lesen, als er Anfang Juli schrieb:

„Letzter Post, Motivation unter Null… dann kommt ein Pinguin daher und rettet einem den Tag. Gestern noch so einen tollen Abend gehabt! Bin von Xeroxus vom Trail abgeholt worden und wurde von ihm und seiner Gattin dann so richtig verwöhnt!“

Einige Wochen später traf er Xeroxus noch einmal, der ihn ab Marsberg begleitete:

„Ein toller Weggefährte! Macht einfach Spaß, wenn eine fünfminütige Pause dann doch eine Stunde geht. Ein erfahrener Thru-Hiker, der mehr Kilometer gemacht hat, als ich auf dem NST vielleicht annähernd schaffen werde. Aber daran kann man die gesammelte Erfahrung nicht messen, nach über 30 Jahren. Die Fähigkeit, alles Erlebte bildlich in Worte zu fassen, ist einfach unglaublich. Und es macht soviel Freude, einfach mal zuzuhören.“

Xeroxus schreibt über die gemeinsame Zeit mit Radusel folgende Zeilen:

„Als Du auf dem Weserwanderweg etwa 20 Kilometer von uns entfernt unterwegs warst, haben wir dich abgeholt und ein wenig verwöhnt. Ich wusste ja, wie gut Dusche, Abendessen und Bett tun, wenn man als Fernwanderer unterwegs ist, denn ich war in Deinem Alter auch schon mal ein halbes Jahr mit Rucksack und Wanderschuhen unterwegs.

Du erzähltest uns von Deinen Erlebnissen, ich trug meine auch dazu bei. Es war ein toller Abend mit Dir, zwei Flaschen Wein lang, und wir konnten noch bis spät in den Abend draußen sitzen. Nach einem ausgiebigen Frühstück brachte ich Dich wieder zum Trail. Ich sah Dir lange nach, wie Du den Berg hinaufwandertest in den Wald hinein. Wie gerne wäre ich mitgewandert. Aber Du hattest mir angeboten, Dich ein paar Tage zu begleiten.

Wir trafen uns in Marsberg und sind durch das schöne Sauerland gewandert. Nie werde ich unser Lager auf der Waldwiese an der Diemel vergessen, direkt neben einer Quelle mit klarem Quellwasser. Unsere Gespräche gingen bis in den späten Abend.

Am nächsten Tag badeten wir im Diemelsee und Kaffee und Kuchen gab es auch noch, den Birgit uns brachte.

Ich habe in Dir einen liebenswerten und sensiblen Menschen kennen gelernt, bescheiden und freundlich. Dein feinfühliges Herz und Deine Naturliebe wurdedurch Deine wunderschönen Landschaftsaufnahmen sichtbar. In Deinen Reisebeschreibungen kamen Deine Bescheidenheit und Dein leiser Witz zum Ausdruck. Viele sind Deiner Wanderung mit großer Neugier gefolgt. Hatte ich eine Frage, warst Du es, der sofort zurück rief.

Nur an vier Tagen hatten wir uns gesehen, aber Du hattest einen vertrauten Eindruck hinterlassen. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich Dich nicht noch einmal ein paar Tage auf dem NST begleiten kann. Es gibt Dinge im Leben, die sind nicht zu fassen, dazu zählt, dass dieses mein allerletzter Gruß an Dich sein muss. Micha, ich werde Dich nicht vergessen.“

Sowohl seine gedrückte Stimmung, als auch seine Freude sprühten förmlich aus seinen Berichten heraus. Und er vergaß nie, sich bei seinen Trailangels zu bedanken! So auch bei Iris, die ihn nur kurz hat kennenlernen dürfen, ihm währenddessen zugehört hat, wie er von seinem vergangenen Leben gesprochen hat, das nach einem Unfall für immer zu Ende gewesen war. Ihn aber auch von der Hoffnung auf eine neue Zukunft reden hörte, und seinen Wunsch wahrnahm, wie sehr er sich auf ein Treffen mit anderen Wanderern des NST freute, mit der Wandermaus oder den Grends, die er einzuholen versuchte.

Und natürlich wollte er gerne Soulboy treffen, den wir alle als den Initiator des NST kennen.

Am Ende des zweiten Tages, als Radusel weiterzog, schrieb er auf dem Blog:

„War so supernett von meinem Trailangel Iris, mich kurzfristig vom Trail abzuholen, und hat sich sogleich rührend um mich gekümmert! Am nächsten Tag ging es dann weiter auf dem Trail und ich durfte nochmal einen Tag bei ihr schlafen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Vielen vielen Dank!“

 

Schon zwei Tage später hat das Treffen mit einer NST-Wanderin dann doch noch geklappt! EvaM schreibt über ihre Begegnung mit Radusel:

„Ich erlebte Michael als einen sehr freundlichen, sanften jungen Mann, den ich auf den ersten Blick als jung und unerfahren eingeschätzt hätte. Allerdings wurde mir schnell bewusst, dass dem nicht so war. Das Schöne dabei war seine unverfälschte und bescheidene Art.

Er war schon ca. 2100 km gelaufen, und sah das als keine großartige Leistung an. Er hatte einen Teil seiner Ausrüstung selber genäht, was ich sehr bestaunte. Für ihn war seine Kreativität eine Selbstverständlichkeit. Er hatte viele kleine geniale Lösungen gefunden, die ich beeindruckend fand und dabei merkte ich, wie überlegt er sich auf seine Wanderung vorbereitet hatte.

Als wir uns in Hann. Münden persönlich kennenlernten, empfand ich seine ruhige und aufmerksame Art und Weise als sehr angenehm. Unsere Begegnungen waren gekennzeichnet von der seltenen Kombination aus Respekt und Humor.

Seltenst hörte ich von ihm irgendwelche platten, phrasenhaften Worte. Er sprach wie ihm der Schnabel gewachsen war, aber er war stets achtsam anderen gegenüber.

Als ich drei Tage mit ihm auf dem Westerwaldsteig

wanderte, konnte ich aufgrund von Fußproblemen nicht schnell gehen. So lief er die ganze Zeit hinter mir, damit ich das Tempo und die Pausen bestimmen konnte. Erst als uns ein Gewitter im Nacken hing und wir noch über eine Bergkuppe gehen mussten, um zu einem Unterstand zu kommen, überholte er und zog das Tempo an. Das war in dieser Situation sehr hilfreich.

So gibt es viele kleine Begebenheiten, an die ich gerne zurückdenke. Als wir in der ersten Schutzhütte ankamen, in der wir übernachten wollten, übernahm er erst mal die „Hüttenpflege“. Die Hütte war heftig zu gewachsen u.a. mit Brombeerranken, was für die Isomatten bekanntlich nicht so gut ist. So befreite er tatkräftig die Hütte von Wildkraut, Brombeerranken, Mini-Bäumen  und säuberte den Boden vom groben Kies ohne lang zu fackeln oder herum zu reden. 

Im Kloster Marienthal saßen wir lange am Spätnachmittag im Klostergarten. Es gab keine Hast oder Ungeduld von ihm, dass wir weiter müssen, um einen Übernachtungsplatz zu finden. Wir genossen die Zeit und unser Gespräch, bis wir beide verspürten weiter gehen zu wollen. Es gab viele gute Gespräche zwischen uns und auch viele Momente, in denen wir in Eintracht schweigen konnten. Und auch das konnten wir einander benennen, es zu genießen mit dem anderen reden und schweigen zu können.“

Radusel wusste die Begegnungen mit Eva zu schätzen, schrieb er doch darüber:

„Aber schöner als die Stadt war dann doch die Begegnung mit Eva! Kaum in der JH angekommen, hat sie mich schon abgepasst! Was für ein Zufall.

Nachdem ich mich eingerichtet hatte, ging es ab in die Stadt zum Italiener. Ein super Essen gehabt und eine noch schönere Bekanntschaft schließen können. Gestern dann noch im forstbotanischen Garten gewesen. Da hatten wir uns beide aber mehr erhofft! Uralte Bäume, leider nur wenige beschildert, so dass man mit dem gleichen Wissen wieder raus ging wie rein.

Der Abschied fiel schwer, wäre gerne mit ihr weiter gewandert!“

Radusel wanderte und wanderte, immer weiter nach Süden, nahm einen Kilometer nach dem anderen, und erreichte so am 10. August den Half-Way-Point des NST.

Mitten in der Woche fand sich niemand, der ihn hier hätte eine Überraschung bereiten können, und so verbrachte Radusel diesen Tag und diese Nacht alleine auf dem Trail.

Vergessen war er aber nicht, denn auf seinem Blog feierten wir ihn so gut wir konnten!

Eine Woche später haben Pura-Vida und BonnGiorno dann doch noch für eine Party auf dem Trail gesorgt, ein Treffen, worauf sich Radsuel sehr freute! Die beiden schreiben dazu:

„Den Halfwaypoint des NST hatte er schon geschafft und wir wollten diese Leistung würdigen und die Person kennenlernen, die sich hinter den tollen Bildern verbarg. Den gemeinsamen Abend auf der Hütte haben wir mit essen, trinken und quatschen verbracht, und den bisherigen Erfolg gefeiert.

Ein Abend, der auch nachdenklich machte. Der Respekt vor dem Rheinsteig, das Heimweh und die Vorfreude auf die Zukunft nach dem NST waren deutlich spürbar. Radusel war dennoch zuversichtlich und optimistisch, was das Leben für ihn noch bereit hält.“

Am Tag danach berichtet Radusel von dem wunderbaren Abend, den er mit Pura-Vida und BonnGiorno verbracht hatte. Aber auch von seiner Sehnsucht und dem Wunsch nach Heimat, die dazu geführt haben, dass die ersten Tränen flossen. Über seine Gefühle schreiben zu können zeigt die wahre Stärke eines Menschen! Die Sehnsucht in ihm war stark! Der Rheinsteig kostete ihn vieles an Kraft, auch wenn er es humoristisch beschrieb:

„Kontinuität vermittelt ja ein Gefühl der Sicherheit, so ist es doch wieder sehr schön die bewährte Kauerstellung unter meinem Regenschirm einnehmen zu dürfen.“

Als dann noch die Probleme mit der Luftmatratze dazu kamen, das schlechte Wetter nicht enden wollte, seine Kräfte sich dem Ende neigten, da entschied er sich, eine Auszeit zu nehmen, sich impfen zu lassen und mit der Wandermaus zum Haldenwanger Eck zu wandern. Auf dem Weg nach Lindau wurde jedoch schnell klar, daß sein Fuß noch nicht bereit für die Berge war. Um den Fuß zu schonen, wählte Radusel daher die Standartroute und überraschte die Wandermaus am Haldenwanger Eck, worüber sie schreibt:

 

„Ich steige hinab zum Eck. Von oben sehe ich den Stein bevölkert. Zwei Räder stehen da und drei Personen. Ein Wanderer beginnt gerade den Abstieg.

Als ich unten ankomme, fragt mich ein Radfahrer, ob ich die Wandermaus sei. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Ich werfe meinen Rucksack ab und sprinte dem Wanderer hinterher. Hinter dem Weidezaun sehe ich ihn unten laufen und rufe ihm nach. Er dreht sich um – und erkennt mich!

Wir sitzen noch eine ganze Weile am Grenzstein, solange uns die Sonne wärmt. Das Gipfelbuch bekommt noch einen Eintrag von Radusel. Da Radusel kein Schlafequipment dabei hat, schaut er sich die Zollhütte an. Wir reinigen, so gut es geht, und lüften durch.“

Am nächsten Tag verabschiedet sich Radusel nach Birgsau von der Wandermaus, die ihn schon von Beginn der Reise an in ihr Herz geschlossen und ihn begleitet hatte. Zum Abschied am Samstag nahm sie ihn in den Arm und sagte:

„Du bist so gewachsen an diesem Weg. Du wirst den Weg – und vor allem das Leben – meistern.“

Dazu sollte es nicht mehr kommen. Am 7. September verstarb Radusel auf dem Rheinsteig. Aber die Wandermaus hatte recht! Wie sehr er auf seinem Weg gewachsen ist, kann niemand besser ausdrücken als er selbst:

„Bisher kam mir meine Reise wie selbstverständlich vor: ich habe sie mir vorgenommen, also mache ich sie auch, egal was kommt. Erst heute habe ich verstanden, was für ein Privileg es ist, so etwas einmal in seinem Leben machen zu dürfen. Was für eine Dimension das Ganze ja eigentlich hat! Und doch nur aus kleinen Fragmenten besteht. Rund 1600 km! Unvorstellbar! Und doch packt mich jetzt schon die Wehmut, diese heile Welt wieder verlassen zu müssen.“

 

Wir trauern mit seiner Familie.
Radusel, du bist einer von uns!
Wir werden dich nie vergessen.

Hike on!

Comments

  • hartmann1324
    7. November 2021

    Ist er verunglückt? Besteht noch die Möglichkeit den Blog von ihm zu lesen?

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