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Das Abenteuer vor der Haustür

Gedanken eines lange Zeit US-zentrierten Thruhikers

Die große Sehnsucht nach der Ferne
Viele Jahre lang bedeutete Thruhiking für mich vor allem eines: Amerika. Der Pacific Crest Trail, der Colorado Trail, der Arizona Trail, der John Muir Trail oder der Continental Divide Trail. Dort spielte sich für mich das große Abenteuer ab. Dort fand ich genau das, wonach ich suchte: endlose Wildnis, Einsamkeit, Freiheit und dieses rohe, ikonische Gefühl, das man unweigerlich mit den großen Trails Nordamerikas verbindet.
Europa war lange Zeit eher das „Dazwischen“. Kürzere Touren, Vorbereitungstouren für die Abenteuer in den USA oder Wanderungen in Überbrückungsjahren. Aber nie dieses ganz große Gefühl von Weite und Wildnis, das ich mit Trails wie dem PCT verbunden habe.
Und trotzdem hat sich mein Blick auf Thruhiking in Europa in den letzten Jahren langsam verändert.

Der Colorado Trail ist ein 782 km (486 bis 567 Meilen) langer Fernwanderweg in den USA, der von Denver nach Durango führt. Er verläuft mitten durch die Rocky Mountains, überquert acht Gebirgszüge und erreicht am Coney Summit eine Höhe von über 4.020 Metern.

Die Faszination der US-Trails ist real

Wer einmal wochen- oder monatelang durch die amerikanische Wildnis gelaufen ist, versteht sofort, warum diese Trails eine solche Anziehungskraft besitzen.
Da sind die riesigen Landschaften, die langen Distanzen zwischen Zivilisation und Versorgung, das wilde Übernachten mitten in der Natur und dieses Gefühl, sich über Monate hinweg nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dazu kommt eine einzigartige Trail Community und eine ausgeprägte Trail Culture, die man in dieser Form kaum irgendwo anders findet.
Auf Trails wie dem Appalachian Trail oder dem Pacific Crest Trail entsteht oft schon nach wenigen Tagen eine eigene kleine Parallelwelt. Menschen mit demselben Ziel, demselben Rhythmus und derselben Sprache des Unterwegsseins. Diese Faszination ist real. Und sie wird mich vermutlich immer begleiten.

Der Arizona Trail führt auf rund 1.300 Kilometern von der Grenze zu Mexiko bis nach Utah. Er durchquert Wüsten, Canyons, dichte Kiefernwälder und den majestätischen Grand Canyon – eine der abwechslungsreichsten Fernwanderungen Nordamerikas.

Europa ist anders, aber nicht schlechter

Eine Weitwanderung in Europa fühlt sich oft weniger wie eine Flucht aus der Realität an. Sie gleicht vielmehr einer intensiven Reise parallel zu ihr. Ein Thruhike in Europa ist in der Regel weniger episch, dafür näher am echten Leben. Der stetige Wechsel zwischen Naturlandschaften, Dörfern, Städten und kulturellen Räumen sorgt für eine völlig andere Art des Unterwegsseins. Unterschiedliche Mentalitäten, unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Lebensweisen begleiten einen fast täglich.
In Europa fühle ich mich als Thruhiker oft weniger wie ein klassischer Abenteurer, sondern eher wie ein stiller Beobachter des Alltags entlang des Weges.
Dabei erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich über die scheinbaren kleinen Dramen und Banalitäten des Alltags leise schmunzeln muss, wenn ich ihnen aus dieser distanzierten, aber gleichzeitig sehr nahen Perspektive begegne.
Die Nähe zur Zivilisation bringt dabei auch Vorteile mit sich. Verpflegung, spontane Unterkunftsmöglichkeiten oder Verkehrsverbindungen machen viele europäische Weitwanderwege flexibel und unkompliziert. Lange Food Carries oder aufwendige Resupply Planung spielen oft eine deutlich kleinere Rolle als auf den großen amerikanischen Trails.
Und genau darin liegt mittlerweile für mich ein eigener Reiz. Die Einfachheit europäischer Weitwanderwege erlaubt es mir, gedanklich mehr loszulassen. Ich muss mich oft weniger mit aufwendiger Logistik, langen Versorgungsabschnitten oder komplexer Planung beschäftigen und kann mich stattdessen stärker auf die eigentliche Reise konzentrieren.
Auf das tägliche Unterwegssein, die Begegnungen entlang des Weges und das bewusste Erleben der Umgebung. Gerade diese Unkompliziertheit empfinde ich nach vielen Jahren auf großen internationalen Trails heute fast als befreiend.

Fernweh muss nicht immer ans andere Ende der Welt führen.
Rechts die Wasserfälle der Columbia River Gorge am Pacific Crest Trail in Oregon, links der Buchenegger Wasserfall am Nord Süd Trail. Beide Orte zeigen eindrucksvoll, wie faszinierend Wasserfälle sein können, egal ob in den USA oder mitten in Deutschland. Manchmal liegt das Abenteuer näher, als man denkt.

Das ursprüngliche Gefühl

Trotz der geringeren Wildnis fühlt sich Thruhiking in Europa für mich heute oft erstaunlich ursprünglich an. Mit Ausnahme der großen Caminos oder touristisch bekannter Highlights am Wegesrand sind viele europäische Weitwanderwege eben noch einfach Wege. Keine durchinszeniertenSehnsuchtsorte, die auf Social Media millionenfach reproduziert werden.
Kaum ein Trail in Europa wirkt vollständig durchkommerzialisiert oder wie ein perfekt kuratiertes Outdoor-Produkt. Man läuft selten in großen Bubbles, sondern meistens für sich selbst. Als Individualist. Als jemand, der einfach unterwegs ist. Genau das empfinde ich nach vielen Jahren auf einigen der bekanntesten internationalen Trails mittlerweile als sehr erholsam.
Der soziale Druck, der mit großen Trail-Bubbles einhergehen kann, existiert in Europa oft kaum. Viele der Lifestyle-Aspekte, denen man auf einer langen Wanderung vielleicht sogar bewusst entfliehen möchte, spielen hier eine deutlich kleinere Rolle.
Manche berühmte Trails wirken heute fast wie perfekt organisierte Langzeit-Events, Ticketlotterien, statistisch optimierten Startterminen, einer riesigen Industrie dahinter und einer immer klareren Erwartung daran, wie ein „richtiger“ Thruhike auszusehen hat.
Europa erinnert mich dagegen oft an das, was mich ursprünglich an langen Wegen fasziniert hat: das einfache, unaufgeregte Unterwegssein.
Alleine unterwegs sein. Unter dem Radar fliegen. In ein Dorf kommen, neugierige oder verdutzte Blicke ernten, spontane Gespräche führen und anschließend wieder weiter ins Ungewisse laufen. Es gibt keine großen Hiker-Bubbles, die während der Hauptsaison bei Town Stops jede Unterkunft, jedes Café oder sämtliche Sitzgelegenheiten rund um den Supermarkt füllen. Man ist vielerorts einfach nur ein Wanderer unter vielen anderen Menschen des Alltags. Genau dadurch fühlt sich das Unterwegssein oft ehrlicher und persönlicher an.
Diese stille, unspektakuläre Form des Abenteuers findet man heute vielleicht gerade deshalb noch so stark in Europa, weil hier vieles noch nicht vollkommen standardisiert ist.

Appalachen oder Schwarzwald? Auf den ersten Blick könnte dieses Bild genauso gut irgendwo in den Appalachen entstanden sein. Oft erkennt man europäische Fernwanderwege daran, dass sich in der Ferne doch irgendwo eine Ortschaft, Straße oder andere Bebauung entdecken lässt. Manchmal jedoch verschwimmen die Grenzen – und der Schwarzwald fühlt sich an wie echte Wildnis.

Der NST als Teil dieser Entwicklung

Zugegeben: Den Nord Süd Trail kenne ich bislang nicht in seiner ganzen Länge. Bisher habe ich lediglich kleinere Abschnitte im Süden und Südwesten Deutschlands erlebt. Trotzdem halte ich den NST für ein unglaublich spannendes Projekt. Nicht weil Europa einen
neuen Pacific Crest Trail braucht. Sondern weil hier langsam eine eigene europäische Thruhiking-Kultur entsteht. Mit eigenen Ideen, eigenen Herausforderungen und einem eigenen Charakter.
Der NST versucht gar nicht, amerikanische Trails zu kopieren. Und genau das macht ihn interessant. Er steht für eine Form des Thruhikings, die sich aus europäischen Gegebenheiten heraus entwickelt. Bodenständiger, näher am Alltag und gleichzeitig voller kleiner Abenteuer.
Der Weg führt nicht ausschließlich durch spektakuläre Wildnis, sondern mitten durch reale Lebensräume. Durch Regionen, in denen Menschen leben, arbeiten und ihren Alltag verbringen. Als Thruhiker bewegt man sich dabei irgendwo zwischen stillem Beobachter und Abenteurer. In einer kleinen Parallelwelt neben der Realität des Alltags. Der NST ist eine begleitende Initiative, die diesen Weg als zusammenhängendes Erlebnis sichtbar macht und unterstützt. Sie gibt Orientierung, ohne den Charakter des eigenen Unterwegsseins zu bestimmen. Es bleibt immer der eigene Weg im Vordergrund. Der NST bildet zudem einen Rahmen für eine wachsende Trail Community in Deutschland und eine gemeinsame Thruhiking-Erfahrung, ohne feste Standards vorzugeben. Es gibt kein Permit System, keine Vorgaben ob Thruhike oder Section Hike, keine Unterscheidung zwischen NOBO oder SOBO, die das Erlebnis in eine bestimmte Form zwingt. Jeder geht seinen eigenen Weg und ist trotzdem Teil eines Kollektivs.
Und vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Entwicklungen des europäischen Thruhikings.

Schlussgedanken

Ich werde wahrscheinlich immer von den großen Fernwanderwegen der Welt angezogen werden. Die Wildnis Nordamerikas, die Einsamkeit mancher Abschnitte und die einzigartige Trail Community werden für mich immer etwas Besonderes bleiben.
Aber je länger ich unterwegs bin, desto mehr schätze ich auch die stilleren Abenteuer vor der eigenen Haustür. Früher dachte ich, das große Abenteuer müsse möglichst weit weg sein. Heute glaube ich, dass Europa seine ganz eigene Form davon am Finden ist.
Der Nord Süd Trail ist dabei für mich ein gutes Beispiel dafür, wie sich diese Form entwickeln kann. Nicht als Ersatz für andere große Trails der Welt, sondern als Möglichkeit, die eigenen Thruhiking-Erfahrungen zu ergänzen und zu vervollständigen. Als ein Weg, der mit seiner ehrlichen Art und Lebensnähe das Unterwegssein anders erfahrbar macht.
Und vielleicht ist genau diese bodenständige, unaufgeregte Art des Unterwegsseins etwas, das in einer immer stärker inszenierten Outdoor-Welt wieder besonders wertvoll geworden ist.

Hier ein paar nützlich links vom Autor:

Trailname: Mr. Tidy, Jahrgang: 1985.

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